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Rezension


Verlhac, Pierre-Henri (Hg.)

Herbert von Karajan

Bilder eines Lebens, mit einem Vorwort von Anne-Sophie Mutter


Verlag/Label: Henschel, Berlin 2007
Rubrik: Bücher
Das Orchester 05/2008, Seite 55
Nachwelten sind solche, die sich auf etwas beziehen, was vergangen. In Form von Erinnerungsinszenierungen etwa. Der Fall Karajan ist hierfür beredtes Beispiel. Die einhundertste Wiederkehr seines Geburtsjahres erzeugt post mortem eine mediale Aufmerksamkeit, die ein wenig an jene zu seinen Lebzeiten erinnert. In einer mehrteiligen Rundfunksendung wird der Dirigent gegenwärtig sogar „besichtigt“ – seltsamerweise.
Der vorliegende, von Pierre-Henri Verlhac herausgegebene Band Herbert von Karajan. Bilder eines Lebens fügt sich bruchlos in diesen Kontext der Gedenkveranstaltungen. Etwa 160 Fotografien, überwiegend Schwarz-Weiß-Aufnahmen, lassen ein Leben Revue passieren, das ohnehin von Fotografen umzingelt war. Chronologisch geordnet zeigen die ersten Bilder den 7-Jährigen und die letzten den 81-Jährigen. Versehen ist das Bilderpanorama mit einem Vorwort von Anne-Sophie Mutter und einem Essay von Jürgen Otten über den „Mythos“ Karajan sowie einem tabellarischen Lebenslauf und einer Auswahldiskografie des Dirigenten. Die beiden kurz gehaltenen Textbeiträge widersprechen sich übrigens durchaus: Während Otten zumindest ansatzweise das Phänomen Karajan ob seiner Funktion als europäischer Generalmusikdirektor als Ausdruck einer kommerzialisierten Kulturindustrie sieht, beharrt die Violinvirtuosin auf der Sichtweise, dieser Dirigent sei als „zeitloser Fixstern“ gerade der industriellen Kulturproduktion entgegengesetzt.
Das umfangreiche, aus (Verlags-)Archiven zusammengetragene und vor allem von Siegfried Lauterwasser stammende Bildmaterial zeigt vielfältige Facetten: natürlich den Dirigenten Karajan, aber auch den Regisseur, Aufnahmeleiter, Pianist, Schauspieler (in einem Kabinettstück von Komparsenrolle!), Sport- und Sportwagenbegeisterten, Ehemann, Vater. Bevorzugte Orte sind – natürlich – Konzertsaal, Theater, Studio als auch hintergrundfreie Flächen für Porträtstudien. Etwas unmotiviert tauchen vereinzelt Farbfotografien und auch recht verunglückte Schnappschüsse auf.
Gegen die chronologische Bilderanordnung lässt sich schlechterdings wenig einwenden. Freilich hätte eine systematisch-thematische Gruppierung (etwa: Dirigatgesten, Regieszenen, Privatleben usf.) den oftmals abrupten Bildthemenwechsel im Buch zugunsten einer Art „Bildersymphonie“ ersetzen können – was dem Gegenstand des Buchs wohl auch angemessen gewesen wäre.
Was von den Bildern sich beim Betrachter vor allem einprägen mag? Gewiss die Körpersprache Karajans, die – ob in Dirigat, im Gespräch mit anderen oder im „Freizeit“-Kontext – immer energiegeladen, elegant und dominant erscheint, auch im Beisammensein mit berühmten Künstlern. Umso mehr beeindrucken die beiden letzten Bilder des Buchs, in denen ein müde und alt gewordener Karajan sich an seine Frau anlehnt und – fotografisch eindrucksvoll inszeniert – ein in schwarz gekleideter Maestro vor schwarzem Hintergrund Abschied nimmt. Ein Schlussakkord, wie ihn Mozart in seinen letzten Symphonien schreibt.
Winfried Rösler
 
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