Die erste der beiden Recital-CDs des Frankfurter Geigers Alois Kottmann, Professor am Hoch’schen Konservatorium, dokumentiert auf eindrucksvolle Weise, welche ungehobenen Schätze noch in den Archiven der deutschen Rundfunkanstalten schlummern. Die wichtigste Entdeckung unter den hier vorgelegten Produktionen des Hessischen und Norddeutschen Rundfunks aus den Jahren 1961-68 ist die Sonate für Violine und Klavier g-Moll op. 26 von Bortkiewicz (1877-1952). Sergej Eduardowitsch von Bortkiewicz wirkte als Konzertpianist, Klavierlehrer und Komponist in seiner Heimatstadt Charkov, in Berlin, Istanbul und schließlich in Wien, wo er starb. Anders als seine etwa gleichaltrigen Landsleute Glasunow, Skrjabin und Rachmaninow blieb er jedoch fast unbekannt, denn er lebte stets „on the wrong side of the fence“, wie sein Biograf Bhagwan Nebhraj Thadani bemerkt.
So verschwand auch seine einzige Violinsonate, 1924 bei D. Rahter in Leipzig gedruckt, schnell aus den Verlagsverzeichnissen und Konzertprogrammen. Ein echter Verlust für das Violinrepertoire! Denn das dankbare, gut gearbeitete dreisätzige Werk krankt keineswegs an dem Mangel an Tiefe, den man Bortkiewicz mitunter vorgeworfen hat. Es ist das große Verdienst von Kottmann und seinem exzellenten Klavierpartner Richard Beckmann, dieses effektvolle Stück wieder ausgegraben zu haben. Schade, dass wir vierzig Jahre auf diese Bereicherung der Violin-Diskografie warten mussten!
Kottmann spielt den Violinpart temperamentvoll und leidenschaftlich, nur leidet sein Ton etwas unter der damaligen Aufnahmetechnik und -philosophie – hier wie auch in den anderen Rundfunkaufnahmen der Doppel-CD. Teils noch mono aufgenommen und stereofon aufbereitet bieten die Einspielungen ein flaches, stellenweise leicht drahtiges Klangbild. Einzige Ausnahme ist die Aufnahme der Solosonate von Reinhold Finkbeiner (geb. 1929). Hier gelangt man zu einem besseren Eindruck von Kottmanns konzentriertem, vollem Geigenton und davon, wie er die vertrackten Akkorde, Passagen, Flageoletts usw. meistert. Dieses Werk ist übrigens ebenso wie die beiden Solowerke von Richard Rudolf Klein (geb. 1921) und Otmar Mácha (geb. 1922) dem Geiger gewidmet.
Bei allen vier genannten Kompositionen handelt es sich anscheinend um Ersteinspielungen (eine bereits existierende Aufnahme der Bortkiewicz-Sonate zählt nicht, denn hier wird der Geigenpart von einem Synthesizer übernommen).
Ergänzt werden diese Raritäten durch Standardwerke, die ebenfalls fast durchgängig aus älteren Rundfunkproduktionen stammen: das Ave Maria von Bach/Gounod, Poème von Chausson, Corellis La Folia, Händels A-Dur-Sonate, Kreislers Präludium und Allegro, Präludium und Fuge op. 117/1 von Reger und Schuberts Sonatine a-Moll.
Martin Wulfhorst