Dies ist die erste Einspielung der ungekürzten Originalfassung von Richard Strauss’ vorletzter Oper Die Liebe der Danae (1940), die es 1944 in Salzburg wegen des „totalen Kriegs“ nur bis zur halböffentlichen Generalprobe brachte und erst 1952 dort offiziell uraufgeführt wurde. Sie entstand 2003 nach einer Produktion der Kieler Oper als Aufzeichnung zweier konzertanter Aufführungen im Kieler Schloss.
Strauss und sein Librettist, der Theaterwissenschaftler Joseph Gregor, griffen eine Idee von Hugo von Hofmannsthal wieder auf und verbanden die Geschichte der Danae, der sich Jupiter (gewählt wurde der römische Name des griechischen Göttervaters Zeus) als Goldregen nahte, mit der Geschichte vom syrischen Eselstreiber Midas, dem Jupiter die Gabe verliehen hatte, alles zu Gold zu machen, um sich dafür ungestraft in seiner Gestalt jungen Damen wie Danae nähern zu können. Die zunächst ins Gold verliebte Danae machte eine typisch Hofmannsthal’sche Wandlung durch: Einmal versehentlich und vorübergehend zur goldenen Statue verwandelt, entscheidet sie sich mit Midas für Armut und Liebe statt für Göttlichkeit.
Strauss komponierte mit dieser „heiteren Mythologie“ (so der Untertitel!) eine Art Kompendium seiner Opern-Meisterschaft, bediente sich großzügig bei Mozart, Wagner und im eigenen Werk. Auf zwei prägnante Akte voller praller Handlung folgt ein langer dritter, der dramaturgisch nichts Neues bringt außer der gelassenen Resignation des Jupiter/Zeus/Wotan/Strauss. Die Identifikation des Komponisten mit dem gealterten Obergott brachte reine Musik hervor, die nach seiner (berechtigten) Einschätzung zum Besten gehört, was er überhaupt geschrieben hat.
Franz Grundheber ist (wie schon 2002 in Salzburg) der erste Bariton, der die sechs seinerzeit für Hans Hotter um einen Ganzton nach unten transponierten Stellen der hoch liegenden Jupiterpartie im Original singt. Ihm zur Seite steht das durchweg zuverlässige Kieler Ensemble. Vor allem gibt Manuela Uhl der dramatischen Danae auch wunderbar lyrische Töne und Tenor Robert Chafin ist der dazu passende Midas. Herrlich auch Jupiters penetrant im Viererpack auftretenden Verflossenen Semele, Europa, Alkmene und Leda: Susanne Bernhard und Cornelia Zach (Sopran), Gro Bente Kjellevold (Mezzosopran) und Katharina Peetz (Alt).
Ulrich Windfuhrs Dirigat tendiert mehr zur „feinsten Operette“ als zur „griechischen Götter-dämmerung“ (beides Zitate von Strauss über seine Liebe der Danae). Der Kieler Opernchor und die Kieler Philharmoniker folgen ihm äußerst präzise und durchsichtig. Dem Klangzauber zwischen Goldregen und Majaerzählung bleibt das Orchester nichts schuldig. Leider wird ein Teil dieser profilierten Klarheit durch den (hinzugefügten?) Hall und die etwas pauschale Aufnahmetechnik des NDR wieder revidiert. Dennoch ist diese Aufnahme ein Muss für jeden, der dieses Werk wirklich kennen lernen will.
Ingo Hoddick