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Bach, Johann Sebastian

Johannes-Passion

BWV 245, Fassung IV (1749)


Interpreter: Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester, Ltg. Thomaskantor Georg Christoph Biller
Publisher: Rondeau ROP4024/25, 2 CDs
Category: CDs
Das Orchester 09/2008, Page 69
Die Alternativfassungen Bach’scher Werke, allen voran der Johannespassion, finden in der Praxis zunehmende Beachtung. Bach hat das Werk mindestens viermal aufgeführt und jedes Mal Änderungen vorgenommen. Bei der Uraufführung 1724 erklang das Werk wahrscheinlich weitgehend in der uns vertrauten Gestalt. Ein Jahr später tauschte Bach die großen Chöre und drei Arien aus. Eine dritte Fassung (ca. 1730) ist belegt, kann aber nicht rekonstruiert werden. Um 1739 begann Bach eine umfassende Revision, die jedoch in Satz 10 abbricht. Jahre später wurde diese Partitur von einem Kopisten vervollständigt, dem die verschollene Uraufführungspartitur von 1724 vorgelegen haben muss. Für die Aufführung 1749 wurden die differenzierten Lesarten der Revision von 1739 jedoch nicht in die Stimmen übertragen, sodass wohl weitgehend die Musik der Erstfassung erklungen ist. Zusätzliche Orchesterstimmen deuten darauf hin, dass eine größere Instrumentalbesetzung zur Verfügung stand. Der Arie „Zerfließe, mein Herze“ wurde eine gedämpfte Violine im Unisono mit der Flöte hinzugefügt. Violen d’amore und Laute wurden durch Violinen und Cembalo (oder Orgel) ersetzt. In einigen Sätzen wurde der Text geändert: Die anschaulichen Bilder weichen nun rationalistischen Reflexionen über das Passionsgeschehen. Neben diesen Varianten fallen vor allem die in vielen Details schlichteren Lesarten der Sätze 1 bis 10 ins Gewicht, da die uns vertraute Urtextfassung die Revision von 1739 berücksichtigt.
Einige aufführungspraktische Details sind zu der vorliegenden Neuaufnahme zu erörtern. Bezüglich der Begleitung der Rezitative hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass die Bassnoten nur kurz anzuschlagen sind. Dies zwingt jedoch oft dazu, die vorgeschriebene Bezifferung zu ignorieren oder Akkordschläge einzufügen. In der Fachliteratur ist schon die Möglichkeit diskutiert worden, die Bassnoten vom Cello aushalten zu lassen, die Akkorde vom Tasteninstrument jedoch nur kurz anzuschlagen. In der Praxis hat dieser Gedanke bisher kaum Beachtung gefunden.Thomaskantor Georg Christoph Biller lässt die Continuospieler hier, wie schon in seiner Aufnahme der Frühfassung der Matthäuspassion, so verfahren. Der Eindruck ist zwiespältig. Bei mehrfachen Harmoniewechseln auf langen Bassnoten erscheint diese Lösung ideal, an anderen Stellen vermag sie unseren Ansprüchen an ein homogenes Zusammenspiel nicht zu entsprechen. Die Auftaktachtel in der Arie „Ach, mein Sinn“ werden hier nicht, wie weitgehend üblich, zu Sechzehnteln verkürzt. Das Resultat überzeugt nicht.
Ruth Holton gestaltet die beiden Sopranarien stilkundig und angemessen dezent, gleiches gilt für den Altus Matthias Rexroth, wenngleich er seine Stimme in höheren Lagen bisweilen etwas heftig aufblühen lässt. Marcus Ullmann – er singt den Evangelisten und die Tenorarien – überzeugt in lyrischen Ausdrucksbereichen, dramatische Momente bleiben blass. Gotthold Schwarz und Henryk Böhm lassen keine Wünsche offen. Der Chor zeigt sich motiviert und gestaltungsfähig, das Orchester und seine Solisten sind kompetente Partner. Als Konzertmitschnitt ist die Aufnahme kaum zu erkennen, so gründlich wurden Geräusche und Pausen eliminiert.
Jürgen Hinz
 
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